Über den Polarkreis auf die Lofoten

Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Ramberg auf den Lofoten 19.6.2015, Kilometerstand 2179, 25. Reisetag. Wetter 10 Grad, die Sonne brennt.

Langsam tuckern wir die RV17, die Küstenstraße, weiter nach Norden. Diese Straße ist landschaftlich eine der schönsten Strecken, die ich in meinem Leben gesehen habe. Die Straße ist eng und kurvenreich und schlängelt sich an der Küste um jeden Fjord herum, taugt also wirklich zum Ansehen und Erleben, aber nicht um schnell vorwärts zu kommen. Es gibt immer wieder Unterbrechungen der Straße an Fjorden, die nicht überbrückt oder untertunnelt werden können. Hier geht es dann mit der Fähre weiter.

Auf einer dieser Fähren überqueren wir dann den Polarkreis. Da diese Strecke wegen ihrer Schönheit von Reisenden aller Art stark frequentiert ist, hat man den Reisenden den Gefallen getan und am Land ein Polarkreis- Monument aufgestellt, damit die Überquerung auch fotografisch festgehalten werden kann. Davon wird auch reichlich Gebrauch gemacht.

Der Regen bleibt unser ständiger Begleiter. Solange Schauer sich mit lichten Momenten abwechseln, sind die Berge nicht zu verhangen, die Landschaft ist auf jedem Meter grandios. Immer höhere, steilere Berge fallen ins Meer, Gletscher reichen fast bis ins Wasser. Mir wird klar, dass der Planetenarchitekt Slartibartfaß aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ zu Recht eine Extra-Auszeichnung für die Fjordküste Norwegens bekommen hat. Als wir mal wieder einen Tag Dauerregen bekommen und es uns im Auto gemütlich machen, um das Ende abzuwarten, fühle ich mich schon wieder an Douglas Adams erinnert. Diesmal an den Lastwagenfahrer Rob McKenna. Er ist ein Regengott ohne es selbst zu wissen, deswegen fährt er permanent durch Regen und Gewitter. Ich möchte eigentlich auch nicht mehr in die Wettervorhersage schauen, sie sah in den letzten Wochen immer gleich aus. Aber was soll’s, ich sehe sie mir doch an und sehe für die nächsten Tage eine Änderung. Doch noch sitzen wir im Dauerregen, unterbrochen durch kurze Regenwanderungen am Fjordufer. Schön, aber danach ist wieder alles durchnässt und macht die Bude feucht.

Als wir zur Abwechslung mal wieder an einem See stehen anstatt am Meer, beginnt dann die Wetteränderung. Auch die Etappe zu diesem See war mit 30 Kilometern sehr kurz, sodass wir hier schon früh ankommen, grillen und zum ersten Mal wieder in der Sonne sitzen können. Am nächsten Tag werden wir in Bodö sein, von wo uns eine Fähre nach Mykonos (Moskenes) an die Südspitze der Lofoten bringen soll. Die Fähre buchen wir auf einer norwegischsprachigen Seite im Internet um Wartezeiten zu vermeiden, die Lofoten sind zwar abgelegen, touristisch aber voll im Trend und neigen zur Überfüllung. Wer nicht bucht, kommt manchmal erst auf der nächsten oder übernächsten Fähre mit. Mit Brille und etwas Phantasie ist das geschriebene Norwegisch gut verständlich, ich muss bei Google nur das Wort für „Geburtsdatum“ nachsehen. Ach ja, wer so etwas auch vorhat: Wohnmobil heißt „bobil“.

Wir lassen uns vom Licht der für uns noch ungewohnten Sonne verwöhnen und genießen die abendliche Stille. Um 22 Uhr ist kaum noch jemand auf den Beinen. Die Stille genießen wir zu Recht, wie sich am nächsten Tag herausstellt. Am nächsten Morgen werden Busladungen voll Touristen ausgespuckt und überrennen das kleine Dorf, dessen Kern eigentlich ein großes Freilichtmuseum ist. Es kann noch schlimmer kommen, erzählt man uns. 100 km weiter nördlich machen große Kreuzfahrtschiffe Station, dann kommen ganze Konvois aus Bussen. Jeder möchte an das südliche Ende der Inselgruppe. Ist hier das Südkap?

50 km weiter nördlich liegt Ramberg. Dort haben wir uns mit Mike verabredet, einen alten Kumpel von ganz früher. Das Leben hat ihn letztes Jahr hier angespült, mit seinem Partner Henning betreibt er nun hier das Restaurant Friisgården und die Camper-Vermietung Arctic Campers (guter Tip für alle, die sich hier mal ohne die lange Anreise auf eigene Faust umsehen möchten). Der Grund unserer Verabredung ist etwas ganz anderes („And now to something completely different“): Wir wollen hier unser erstes Nomadenbier brauen, unterwegs selbst gebrautes Bier. Mike und Henning wollen das lernen. Zu Recht nehmen wir uns für diese 50 Kilometer auch noch einmal zwei Tage Zeit und machen eine Zwischenübernachtung: Die Lofoten sind klein, zu schnell wären wir wieder weg, wenn wir das in einem Tag fahren würden. Bei Sonnenschein und türkisfarbenem Wasser darf genau das aber nicht passieren.

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8 Kilometer-die kürzeste Tagesetappe

Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Flostrand am Sonafjord 12.6.2015, Kilometerstand 1824, 18. Reisetag. Wetter 8 Grad, bedeckt, einzelne Regenschauer.

Nur acht Kilometer hinter unserem provisorischen Platz finden wir einen Tag später den idealen Platz für einen längeren Zwischenstopp und Erkundung der Umgebung, und so schlagen wir nach der bislang kürzesten Tagesetappe unser Lager nach 10 Minuten Fahrt gleich wieder auf. Ein kleiner steiniger steiler Weg führt von der Straße auf ein höher gelegenes Plateau, da bringt uns die Geländegängigkeit der Gran Hermano einen klaren Vorteil. Wir haben einen irren Ausblick, wie gewohnt direkt auch vom Bett aus durch die Tür. Direkt neben uns rauschen Bäche in Kaskaden und kleinen Wasserfällen abwärts zum Fjord. Dem kalten regnerischen Wetter entkommen wir leider nicht, bei acht Grad mit Wind und Regenschauern ist an ein echtes ganztägiges Draußenleben mit Campingmöbeln noch nicht zu denken. Man muss draußen in Bewegung bleiben und sich warm anziehen, also sind in erster Linie Wanderungen angezeigt. Diese sind aber lohnenswert. Die Felsen zwischen Fjord und Gebirge sind in alle Richtungen mühelos begehbar. Das Labyrinth an kleinen Tümpeln und Wasserfällen bietet an jeder Stelle neue Minilandschaften und neue Ausblicke in die Ferne. Bei den gegebenen klimatischen Verhältnissen eine raue und herbe Schönheit.

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Rückwärts durch die Jahreszeiten

Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Nordsjöna 11.6.2015, Kilometerstand 1816, 17. Reisetag. Wetter 10 Grad, Regenschauer.

Nach unserem Aufenthalt um Särna und Idre legen wir einen kleinen Zwischenspurt ein, der uns ca. 500 km weiter nach Norden katapultiert. Den Schlenker nach West-Norwegen zu den bestimmt sehenswerten Fjorden des Südens lassen wir weg, die Wettervorhersage für diese Region ist derzeit zu schlecht. Scheinbar hat der Norden derzeit das bessere Wetter, zwar nicht warm, aber weniger regnerisch.

Anstatt auf kleinen kurvigen Nebenstraßen, teilweise mit Asphalt, teilweise mit Schotterstraßen, fahren wir zwei Tage auf der E45, dem Inlandsvägen. Dies ist eine der wichtigsten Nord-Süd Verbindungen Schwedens, dort kommen wir merklich schneller voran. Dafür können wir uns dann später im Norden Skandinaviens noch mehr Zeit lassen. Diese Hauptstraße darf man sich nicht stressig vorstellen, auch hier kommt nur ab und zu mal ein Auto entgegen oder es überholt mal eins. Durch die geringe Verkehrsdichte in Kombination mit guten Straßen und schöner abwechslungsreicher Landschaft genießen wir jeden Kilometer der Fahrt im Gran Hermano. Bei Dorotea erreichen wir den schwedischen Teil Lapplands, wir sind im Norden angekommen.

Wir fahren wieder von der E45 ab und befinden uns kurz danach wieder auf Schotterstraßen im Nirgendwo, eine Querverbindung zur E12 nach Norwegen. Auf den Wegweisern dieser Pisten stehen nicht selten Entfernungsangaben von über 100 km, es wird beständig kälter. Mitten in der Einöde stehen immer wieder Wegweiser zu Fundstellen aus der Steinzeit mitten im Wald (die man ohne Schild allerdings glatt übersehen würde), Angelplätzen und sonstigen interessanten Orten. Auch Lappland ist trotz seiner dünnern Besiedlung touristisch gut erschlossen. Was wir uns aber einfacher vorgestellt haben ist, einen schönen Stellplatz für die Nacht zu finden. Eigentlich hatten wir erwartet, dass es in dünn besiedelten Norden immer einfacher wird. Da aber neben der Straße fast immer Sümpfe und Moore oder wegen des bergigen Geländes Abhänge und Felswände sind, gibt es wenig Lücken, die zum Verweilen geeignet sind. Diejenigen die wir gefunden haben, waren uns für einen längeren Aufenthalt nicht schön genug.

Und so stehen wir früher als geplant vor der Querverbindung nach Norwegen. Bedingt durch die Höhe von etwa 500 Metern kommen wir nun vom frühen Frühjahr mit Bäumen, die noch nicht grün sind, in die winterliche Schneeschmelze. Hier ist bei 3 Grad und matschigem Boden auch nicht mehr an Verweilen zu denken, also fahren wir gleich über die Grenze weiter nach Norwegen. Einen Grenzposten gibt es nicht, nur ein Schild zeigt, dass wir uns nun in einem anderen Land befinden. Norwegen ist zwar nicht in der EU, hat aber das Schengen-Abkommen zur Abschaffung der Grenzkontrollen unterzeichnet. In Norwegen steigt die Straße bis auf 650 Meter weiter an. Auf den zugefrorenen Seen brechen langsam die Eisschollen auf, hier hat der Winter für uns seinen Höhepunkt erreicht. Beim Abstieg geht es dann wieder zurück in den Frühling. Norwegen ist das Land der Felsen und Wasserfälle, das sieht man schon auf den ersten Kilometern.

Nach einer Übernachtung in den Bergen bei eisigen 4 Grad Außentemperatur erreichen wir dann bei Trofors die E6, die Nord-Süd Achse des Landes. Dort trifft uns der Kulturschock: Schon voll an die einsamen schwedischen Straßen gewöhnt müssen wir uns jetzt wieder an Verkehr gewöhnen. Es fahren sogar mehrere Autos hintereinander und es wird überholt. Jedes vierte Fahrzeug ist ein Wohnmobil. Norwegen ist scheinbar DAS Wohnmobil-Reiseziel, viele von ihnen jagen auf dieser Strecke in 3-4 Wochen zum Nordkap und zurück. Die Landschaft bleibt grandios, bei Mosjöen verlassen wir die E6 wieder. Wir sind hoch begeistert von der Unterstützung der Mitarbeiter im Elektromarkt von Mosjöen beim Erwerb einer Sim-Karte für Norwegen. Aus dem Fenster haben sie unseren Gran Hermano gesehen und sind von den Socken. Es ist nicht so einfach, eine Karte mit genügend Datenvolumen zu bekommen, die Auswahl für Ausländer ist beschränkt, die Tarife nicht eindeutig. Sie telefonieren für uns, sie kommen mit in den Nachbarshop der die richtige SIM Karte hat, dann aktivieren sie sie für uns. Das ganze dauert etwa eine Stunde, sie hätten sich wenn nötig auch den ganzen Tag dafür genommen. Zwischendurch fachsimpeln wir über Magirus, Wohnmobile und ähnliche Themen.

Ab hier geht es für uns auf der engen und kurvenreichen Küstenstraße 17 weiter. Dies ist eine der schönsten Straße des Landes. Auch sie führt nach Norden, macht aber einen Bogen um jeden Fjord herum, immer an der Küste entlang. Zahlreiche Tunnels führen durch Bergmassive, einige von ihnen sind über 10 Kilometer lang. Das wäre in Deutschland bereits ein Jahrhundertprojekt (das dann wahrscheinlich nicht einmal fertig gestellt werden würde), hier ist es ein gewöhnlicher Tunnel auf einer der zahlreichen Nebenstrecken. Auch Unterbrechungen durch Fähren gibt es immer wieder. Abends erreichen wir dann die Küste und sichern uns einen provisorischen Platz für die Nacht. Um diese Landschaft richtig erleben zu können, müssen wir unser Tempo wieder drosseln.

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