Unsere Reiseroute wird immer kürzer

Almaty ist für uns die Ausgangsbasis für diverse Besorgungen, Fahrzeugwartung und (das war bis vorgestern das Wichtigste) die Beschaffung des Mongolei- Visums. Ca. 15 km südlich der Stadt haben wir auf 1.700 Metern einen herrlichen Standplatz im Nationalpark, sodass wir uns nebenbei auch noch erholen können. Das ist auch nötig, denn Sylvia ist nach der letzten Fahr- Etappe von Samarkand nach Almaty ziemlich erschöpft, und jede Fahrt im Stadtverkehr von Almaty kostet zusätzlich Nerven. Gefahren wird im Prinzip wie in Deutschland (“ich lasse niemanden rein, mache jede Spur zu”), nur härter. Wer einen dicken teuren schwarzen Geländewagen hat (und den hat hier fast jeder), darf jedes billigere Fahrzeug wegdrängeln. Wer das trotz lauter Hupe nicht einsieht, wird bepöbelt.

Wenn man bei Google sucht, findet man drei verschiedene Adressen für die mongolische Botschaft. Zwei über die Suche und noch eine dritte andere über Google Maps. Anhand des Alters der Einträge kann man keine der drei Adressen ausschließen.

Da hilft wohl nur anrufen. Telefonnummern der mongolischen Botschaft gibt es bei Google noch mehr als Adressen, doch schon beim ersten Versuch bin ich tatsächlich mit der mongolischen Botschaft in Almaty verbunden. Doch man teilt mir mit, dass es dort kein Visum geben wird. Die Botschaft existiert zwar, aber Visa gibt es nur in der Hauptstadt Astana. Das ist seit 1997 die neue virtuelle Hauptstadt Kasachstans, die aus dem Nichts mitten in der Steppe hochgezogen wurde, um den Menschen zu signalisieren “Es gibt auch Leben außerhalb von Almaty”. Scheinbar war das notwendig, da 80 % der Geldmittel Kasachstans im Großraum Almaty im Umlauf sind oder zumindest mal waren (daher die vielen schwarzen Geländewagen).

Eine Weiterrreise in die Mongolei über Astana würde für uns noch einmal einen Umweg von lächerlichen 1.000 km bedeuten. Das Verhältnis anstrengender Fahrtage zu erholsamen Ruhetagen wäre dann nicht mehr tragbar, und so fügen wir uns diesem Gottesurteil und streichen auch noch die Mongolei von unserer geplanten Route.

Es fallen so noch einmal ca. 4.000 km weg. Die gewonnene Zeit können wir nun in Form von zusätzlichen Ruhe- und Standtagen genießen, und das Tian Shan Gebirge sowie den russischen und kasachischen Altai genauer erkunden. Für diese faszinierenden Landschaften hätten wir sonst nur wenige Tage der Durchreise gehabt. Die Rückreise durch Russland mit dem Winter im Nacken wird nun auch etwas kürzer.

Letztes Fazit: Neben den gewaltigen Entfernungen haben wir auch die Schwierigkeiten unterschätzt, unterwegs Visa zu bekommen. Ich kann anderen Reisenden nur dazu raten, sich für solche Fälle einen zweiten Reisepass zu besorgen. Dann kann man sich über eine Visum- Agentur die Visa zu Hause machen und die Pässe per Express zuschicken lassen. Wir haben uns leider keine Zweitpässe ausstellen lassen.

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Wie herrlich normal

Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Almaty 23.7.2012, Kilometerstand 8902, 74. Reisetag. Wetter 32 Grad, die Sonne brennt.

Unser Weg nach Almaty führt uns zurück nach Kasachstan. Vor der Grenze schlafen wir noch einmal “kuschelig” in Usbekistan. Die Strecke führt durch die bewässerten Felder des Syrdarya. An solchen Strecken reiht sich ein Dorf an das nächste, jeder winzige Flecken ist bewohnt und wird genutzt. Für Wohnmobilisten auf Stellplatzsuche ist das anstrengend, es bleibt meist nur ein Flecken Gras neben einem Landwirtschaftsweg. Kuschelig ist das deswegen, weil ständig etwas los ist: Trecker, Radfahrer, Fußgänger ziehen wenige Meter an der Tür vorbei. Manche bleiben stehen, legen die rechte Hand aufs Herz und grüßen, manche gehen einfach vorbei. Am nächsten Morgen sind wir inmitten einer kleinen Kuhherde mit ihren Hütern. Jedes Tier wird einzeln festgemacht und alle 50-60 Minuten “umgeploppt”, d.h. woanders festgemacht. So wird jeder grüne Fleck am Feld- und Wegesrand genutzt. Wenn die Mittagshitze beginnt, kommen die Tiere dann in den Schatten der Obstbäume.

In Samarkand hatten wir schon den Zusammenhang erkannt, dass die Magen-Darm Probleme immer dann auftraten, wenn wir in den Städten, die wir besucht hatten, nicht selbst gekocht hatten, sondern essen gegangen waren. Nun liegen diese Städte und die fettige monotone (sogar noch für ihre Gerichte berühmte) Restaurant- Küche Usbekistans (Schaschlik, Plov, Lagman, das war’s) hinter uns. Das selbst gekochte Essen hat bis jetzt noch in jedem Land besser geschmeckt, als die Restaurant-Küche (das geht uns aber auch in Deutschland so), aber hier geht es uns davon auch gesundheitlich besser. Wir schwören uns, nur noch im Auto zu schlafen und selbst zu kochen.

Nach der einigermaßen stresslosen Grenze muss dann im ersten kasachischen Städtchen wieder mal der Auspuff geschweißt werden. Immer wieder reißt er neben den Nähten der letzten Reparatur. Aber etwas anderes als immer wieder reparieren geht hier auch nicht. Wieder auf der Straße geraten wir in einen heftigen Staubsturm. Der Himmel verfärbt sich gelb-braun-grau, die Sichtweite sinkt, jedoch nicht so stark, dass man anhalten müßte. Eine Stunde später ist das Schauspiel vorüber. Zwei Tage nach der Auspuff- Reparatur reißt der Keilriemen des Luftpressers. Ersatz habe ich zum Glück dabei, sodass ich im Schatten eines Baumes den Schaden schnell reparieren kann.

In Shymkent, der ersten Großstadt nach unserem Grenzübertritt, bemerken wir dann mit Erstaunen, wie glücklich wir über einige völlig normale Annehmlichkeiten der Zivilisation sind, die wir hier vorfinden. Schleichend wurden wir in der Steppe West- Kasachstans und in Usbekistan von diesen Dingen entwöhnt, und nun gibt es sie plötzlich wieder, konzentriert auf einem einzigen Quadratkilometer, ohne dass man groß suchen muss:

Es gibt Geldautomaten, die eine übersichtliche Anzahl von Scheinen ausspucken. Man kann sie in wenigen Sekunden zählen und sie passen in ein Portemonnaie. Erst jetzt wird uns klar, das es technisch auch schwierig wäre, Geldautomaten für Usbekistan herzustellen. Sie müßten ein riesiges Depot und eine große Schublade für “Bitte entnehmen Sie Ihr Geld” haben.

Es gibt Einkaufszentren und Supermärkte. All die Kleinigkeiten, die man so braucht, muss man sich nicht mühsam in mehreren kärglich bestückten Lädchen, die alle das gleiche Sortiment haben, zusammensuchen. Auch das ist wie bei uns: Obst & Gemüse kauft man besser auf dem Markt. Es ist dort frischer und billiger.

Es gibt viele schmackhafte Dinge, die wir nach einger Zeit vermisst hatten: Schafskäse, dunkles Brot, Wurst die sogar schmeckt, Weißwein und Rotwein mit der Bezeichnung “trocken”. Einige Festessen sind also für die nächsten Tage eingeplant.

Für uns als Reisende wichtig: Es gibt wieder Dosenbier. Das Bier aus Pet-Flaschen hing uns schon zum Hals raus, es schmeckt immer irgendwie schal. Flaschen scheiden aus, weil das bei den Straßen hier zu Glasbruch und Sauerei führt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man die Dosen zertrampeln kann und damit der Mülleimer nicht gleich voll ist.

Noch ein Stück Normalität kehrt ein, als wir nach Wochen absolut ebener Steppe wieder in die Berge kommen. Wir finden einen Stellplatz auf 1200 Metern Höhe, an dem es schattenspendende Bäume gibt (!). Nachts ist es mit 18 Grad im Auto so kalt, dass man sich mit der Bettdecke zudecken muss. Für uns ist das sensationell, ein fast schon vergessenes Erlebnis.

Völlig begeistert sind wir dann von den letzten 200 km nach Almaty. Die Straße ist so gut, dass man dauerhaft ohne Unterbrechungen 75 fahren kann. Das gab es das letzte Mal vor einem Monat.

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Die Grenze mitten im Nichts

Bordbuch-Eintrag: Ankunft an der Grenze Kasachstan-Usbekistan auf dem Ustyurt-Plateau 1.7.2012, Kilometerstand 6036, 53. Reisetag. Wetter 39 Grad, die Sonne brennt. Nachts tobt ein Wüstensturm.

Grenzen in der Wüste oder sonstigen abgelegenen Gebieten haben immer ihre eigene, meist schmuddelig-schäbige, aber auch irgendwie faszinierende Aura.

Als wir uns der Grenze nähern, trifft uns fast der Schlag: Eine LKW- Warteschlange bis zum Horizont, das 7 km entfernte Grenzgebäude ist gerade als kleiner Punkt zu erkennen. Die Fahrer, die wir fragen, erzählen uns, dass sie etwa 7 Tage in der Schlange stehen, bis sie sich nach vorne durchgearbeitet haben. Wir fahren an den LKW vorbei in der Hoffnung, vorne gleich reingelassen zu werden. Was wir direkt vor dem Grenzzaun finden sind Staub, Sand, Berge von leeren Glas- und Plastikflaschen und die an Grenzen übliche Ansammlung dubioser Typen. Die Grenze selbst ist noch nicht offen. Arbeitsbeginn ist erst um 10 Uhr, dabei sind wir extra früh aufgestanden und deswegen schon um 8 Uhr 30 dort. Von 12 bis 14.30 ist dann noch Mittagspause. Kein Wunder also, dass die LKW- Fahrer so lange warten müssen.

Wir haben durch unsere frühe Ankunft genug Zeit, das Treiben ausgiebig zu studieren. Die eigentlichen Grenzgebäude sind durch Zäune und große Eisentore abgesichert. Ab und zu wird das Tor geöffnet und ein paar Fahrzeuge werden hereingelassen. Es sind Beamte, die dort arbeiten. Wenn der Eingelassene wichtig genug ist, salutieren alle beim Vorbeifahren. Zwischendurch hört man einige unverständliche brüllende Lautsprecherdurchsagen, ansonsten tut sich nichts. Über dem kasachischen Zollgebäude steht in großen Buchstaben auf englisch “Good Luck”, Humor haben die ja wenigstens. Vor dem Tor lungern alle herum, dir irgendwie an das Wirtschaftssystem Grenze angeschlossen sind: Taxifahrer, Busfahrer, Geldwechsler, Flaschensammler, Händler, Teeverkäufer usw. usw. Solange die Grenze noch zu ist, haben die ja auch noch nicht so viel zu tun.

Glücklicherweise werden wir dann wenigstens direkt in den heiligen Bereich eingewunken, als um 10 Uhr der Dienst beginnt. Die Ausreise aus Kasachstan dauert dann auch nicht lange, das “Good Luck” hat gewirkt.

Auf usbekischer Seite ist dann nochmal ein Eisentor. Dessen Wächter ist vielleicht gerade 18 Jahre alt, aber mit MP und Stahlhelm voll ausgerüstet. Die Prozedur dauert etwas länger, es müssen für den Gran Hermano wieder diverse Genehmigungen beantragt werden. Dazu kommen noch Zollerklärungen mit Angabe aller Einrichtungsgegenstände und Devisen in allen Währungen. Die Durchsuchung beim Zoll ist dafür kürzer (I am tired, brother, we make it quick), wohl auch wegen der 40 Grad im Gran Hermano. 2 1/2 Stunden später wird das große Eisentor auf der anderen Seite geöffnet, damit sind wir dann endlich in Usbekistan eingereist.

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