Richtung Westen, und dann immer geradeaus (Etappe 4)

Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Palanga 20.10.2012, Kilometerstand 17650, 164. Reisetag. Kilometer bis nach Hause: noch etwa 50 plus 770 km Fähre Klaipeda – Kiel. Wetter 15 Grad, die Sonne brennt.

Entgegen unseren Befürchtungen kommen wir schon innerhalb einer Stunde aus Moskau heraus. Das Hotel liegt am richtigen Ende der Stadt, direkt an der M9, der Straße, die nach Lettland führt. Diese ist als Autobahn ausgebaut, und trotz 40 km langer Baustelle (Ausbau auf 8 Spuren, weil 6 nicht mehr ausreichen) gibt es keinen Stau. Eine weitere Stunde später haben wir sämtliche Vorstädte hinter uns gelassen und fahren wieder auf einer zweispurigen Landstraße durch den Wald. Die Gegend ist trotz der Nähe zu Moskau dünn besiedelt. Auch der LKW- Verkehr Richtung Lettland ist recht schwach, die Hauptströme fließen über Weißrussland oder Sankt Petersburg. Ein bleiern grauer Himmel hängt über der Landschaft und erzeugt zusammen mit den vielen kahlen Bäumen schon echte Novemberstimmung. Der zweite Tag dieser Etappe wird noch grauer, es gibt noch Dauerregen dazu. Die Solaranlage produziert bei diesem Wetter kaum noch Strom, wegen der miesen Batterien gibt es am nächsten Morgen nicht einmal mehr Licht, wir holen eine Batterie- Laterne heraus.

Am 18.10. stehen wir dann an der Grenze zu Lettland, unserem Einreisepunkt in die EU. Trotz des relativ schwachen Verkehrs fahren wir auf der PKW- Spur an 6 km LKW- Stau vorbei bis nach ganz vorne. Dort kommen wir auch sofort dran. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil die Kasachen bei der Einreise die Zollerklärung (befristeter Import) für unseren Gran Hermano nur für einen Monat ausgestellt haben. Das ist inzwischen aber schon drei Monate her, und da Kasachstan und Russland eine Zollunion bilden, hätte diese Einfuhrerlaubnis auch drei Monate gültig sein müssen. Zu allem Überfluss gibt es ein zweites Zollpapier, in dem ebenfalls das Auto eingetragen ist. Dieses ist drei Monate gültig. Wer Kasachstan kennt, den wundert so etwas nicht, aber nun brütet der russische Zöllner schon seit 20 Minuten über den Papieren, schaut sie mit der Lupe an (der ist schon alt…) und fragt irgendwann seinen Vorgesetzten: “Was soll ich mit denen jetzt machen?”. Dann verschwindet er mit dem Vorgesetzten, wohl zu dessen Chef. In den Informationen des Auswärtigen Amtes für Russland- Reisende steht, dass bei Fristüberschreitung hohe Zölle zu zahlen sind. Auch ein letztes Mal “Schtraf” wäre möglich, das hatten wir seit der zweiten Einreise nach Russland noch gar nicht, es wäre also mal wieder Zeit…

Nach weiteren 20 Minuten kommt der Beamte dann wieder und beginnt mit dem Adler- Suchsystem (ein Finger: Adler kreist über der Beute und stürzt sich dann auf sie herab) die Ausfuhrerklärung in den Computer einzugeben. Er hat nur noch die Zollerklärung in der Hand, die drei Monate gültig ist, die andere ist weg. Ich bin dankbar für diese pragmatische Lösung und warte geduldig, bis er alles ausgefüllt hat. Auf der anderen Seite geht es dann relativ schnell voran. Die Zöllner finden unseren Gran Hermano super. Es wird überall kurz hinter die Tür geschaut, dann sind wir in der EU. Keine Grenzkontrolle mehr bis nach Hause! Einen Kilometer später reißt der Nebel auf und die Sonne strahlt aus einem blauen Himmel. Wenn das kein Zeichen ist! So wollen wir zu Hause begrüßt werden! Die EU ist ein Teil unserer Heimat geworden, und sie hat gerade auch noch den Friedensnobelpreis gewonnen. Love & Peace!

Lettland und Litauen durchfahren wir nun im Schnelldurchgang als Transitreisende. In Lettland übernachten wir nur ein einziges Mal, an einem See, und 150 km nach der Einreise stehen wir am 19.10. schon an der Grenze zu Litauen. Doch auch als Transitreisende nehmen wir einige, wenn auch oberflächliche, Eindrücke mit nach Hause. Direkt nach der Einreise aus Russland verändert sich alles: die Straßen, die Landschaft und die Häuser. Die Straßen sind nicht besser als die russischen Hauptstrecken, aber interessanter und das Fahren macht viel mehr Spaß. Die Russen brechen eine breite Schneise durch den Wald, es geht über hunderte von Kilometern stur geradeaus. Nun gibt es plötzlich wieder Kurven, sanfte Wellen und man fährt wieder “in” der Landschaft. Die Straßen sind schmaler, und die Dörfer und Häuser mit den ordentlichen Vorgärten (Rasen gemäht! – für uns eine längst vergessene Gestaltungstechnik) wirken irgendwie niedlich und puppenhaft. Dazu scheint weiterhin die Herbstsonne, wir erleben den goldenen Oktober dieses Jahr nun zum zweiten Mal. Die Landschaft ist waldreich, dünn besiedelt und ohne hektische Großstädte. Wie in Skandinavien und eigentlich allen dünn besiedelten Ländern sind die Menschen sehr entspannt und freundlich.

Vor der Ausreise aus Russland haben wir vergessen, Namen und Wechselkurs der neuen Währungen im Internet nachzuschauen. Unsere SIM Karte funktioniert hier nicht mehr, also stehen wir vor dem Geldautomaten und wissen nicht, wie viel wir abholen sollen. Mit den Benzinpreisen, die wir uns unterwegs abgelesen haben, gelingt uns eine annähernd genaue Hochrechnung (Formel: Diesel kostet in der EU zwischen 1 und 1,50 Euro).

An der Grenze zu Litauen ist außer einem Parkplatz, ein paar Schildern und Grenzsteinen gar nichts, so ist das Reisen in der EU heute! Es gibt nicht einmal Verkaufsstände für irgendwas, die Preise sind scheinbar in beiden Ländern ähnlich, außerdem ist wohl zu wenig Verkehr. Noch vor etwas über 20 Jahren war dies die Grenze zwischen zwei Sowjetrepubliken, für uns Westeuropäer mit eigenem Fahrzeug unerreichbar!

In Litauen wird die Besiedlung dichter, fast jeder Quadratmeter des kleinen Landes wird landwirtschaftlich genutzt. Die Sonne scheint weiterhin, und einen Tag früher als geplant erreichen wir bei Palanga die Ostsee. Palanga liegt nur 20 km nördlich von Klaipeda. Die lange Fahrt aus dem Altai Gebirge Richtung Westen endet hier. Ziemlich genau 5.500 km sind wir von unserem Platz 100 km vor der mongolischen Grenze bis hier gefahren, etwas über einen Monat Zeit haben wir uns dafür genommen und noch einige interessante Zwischenaufenthalte eingelegt. Es ist schön, wieder am Meer zu stehen und auf das endlose Wasser zu sehen, und wir haben sogar noch einen Tag Zeit, diese ausgedehnte und um diese Jahreszeit nicht überfüllte Strand-, Wald- und Dünenlandschaft ausgiebig zu genießen. Seit unserem letzten Blick auf das Meer vor viereinhalb Monaten haben wir etwa 14.000 km durch die größte Landmasse der Erde zurückgelegt.

Auf das Ende dieser langen Fahrt stoßen wir abends in unserem Gran Hermano an, dazu nehme ich einen kräftigen Schluck lettisches Disel aus der Dose. An einem anderen Ufer des Meeres, an dem wir jetzt stehen, liegt Kiel und 35 km davon entfernt unsere Heimat Timmaspe. Ein Schiff wird kommen…

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Back in U.S.S.R. – Wieder bei Rosie

Bordbuch-Eintrag: Ankunft an der Grenze Russland – Kasachstan bei Rubzovsk 25.8.2012, Kilometerstand 11142, 108. Reisetag. Wetter 19 Grad, bewölkt mit Gewittern und Regenschauern.

Um es verständlich auszudrücken: Wir sind wieder in Russland. In sofern stimmt “Back in U.S.S.R.” nicht, denn das Gebiet der Ex- Sowjetunion hatten wir ja gar nicht verlassen. Aber es klingt einfach gut. “Wieder bei Rosie” ist das, was ein Übersetzungsprogramm daraus macht, wenn man auf Russisch den Satz “Wieder in Russland” eingibt und ins Deutsche übersetzen läßt. Also eine kleine Belehrung am Rande: Finger weg von solchen Programmen!

Hinter Öskemen hat sich “unser” Kasachstan langsam dematerialisiert: Aus der Steppe wurden Getreide- und Sonnenblumenfelder, Bäume standen einfach in der Landschaft herum, ohne dass dort ein Fluss oder ein See war. Die Straßen waren sogar von dichten Baumreihen gesäumt. Die letzte Nacht in Kasachstan haben wir bei 19 Grad und Gewitter in einem Birken- und Kiefernwald verbracht, das Foto ist von Aufnahmen aus Meck- Pomm nicht unterscheidbar. Ob es stimmt, wissen wir natürlich noch nicht, aber an diesem Abend habe ich gesagt: “Damit ist der exotische Teil unserer Reise vorbei”.

Kurz vor der Grenze mußten wir noch eine ziemlich widerliche Bullenkontrolle über uns ergehen lassen, mit Drogenhund und allen Schikanen. Ausgerechnet an diesem vorletzten Tag wurde zum ersten Mal eine Autoversicherung von mir verlangt. Nachdem ich nun schon einige Wochen ohne gefahren bin, wollte ich auch keine mehr abschließen. Ich habe mich also stur gestellt und meine grüne Versicherungskarte gezeigt, auch wenn diese in Kasachstan nicht gilt. Irgendwann durften wir dann weiterfahren, aber die extrem unfreundliche Art hat uns darin bestärkt, nun zügig zur Grenze zu fahren.

Den Grenzübertritt schaffen wir in der Rekordzeit von 28 Minuten. Es ist kaum etwas los und dank der Zollunion Kasachstan – Russland – Weissrussland muss für das Fahrzeug kein Papierkram erledigt werden, die Durchsuchung beschränkt sich auch auf einen Blick durch die Tür.

Dann sind wir in Sibirien! Zunächst freuen wir uns über die schöne neue Straße mit Abbiegerspuren und Leitplanken, eben und vollgastauglich. So etwas haben wir nun schon lange nicht mehr erlebt. Auch das Suchen nach einem Mülleimer dauert nicht mehr Stunden und Tage, an jedem Parkplatz steht einer. Die Landschaft ist hier nicht so, wie man sich Sibirien vorstellt. Wald gibt es vorerst kaum, dafür über hunderte Kilometer Sonnenblumen- und Getreidefelder bis zum Horizont.

Mit jedem Tag Richtung Norden wird das Wetter ebenfalls nordischer, es ist jetzt wie zu Hause: Keine 20 Grad mehr, dunkle Wolken treiben über den Himmel, Regenschauer den ganzen Tag. Zum ersten Mal seit Monaten bleiben während der Fahrt die Fenster zu, statt Sandalen tragen wir geschlossene Schuhe. Am nächsten Tag wühlen wir dann die ersten langärmeligen Shirts aus der Versenkung, sie waren seeehr weit unten.

Nun sind wir schon wieder ein paar hundert Kilometer weiter auf der M52 Richtung mongolische Grenze, wir “fliegen” förmlich in Richtung Altai Gebirge. Auch diese Straße ist in einem perfekten Zustand. In die Mongolei fahren wir zwar nicht, aber das Altai- Gebirge davor gehört zu den schönsten Gegenden ganz Russlands, wir wollen noch so viele Tage des ausklingenden Sommers wie möglich dort verbringen. Die Städte, die wir jetzt ohne Stopp durchqueren, können wir uns auf dem Rückweg noch ansehen, das geht im Herbst genauso gut. Bis Barnaul müssen wir dann den gleichen Weg auf der M52 zurückfahren, bevor wir von dort endgültig die Rückreise antreten.

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Ja was denn nun?

Langsam geht es mir selber auf den Wecker, dass ich immer über dieselben Dinge schreiben muss. Als ob alles nur ein dummer Witz wäre, bekomme ich doch vorgestern eine email, die besagt, dass Tibet wohl ab Oktober wieder offen ist, und damit eine Durchquerung Chinas Richtung Nepal wieder möglich. Einen Tag später treffen wir beim Wandern ein Schweizer Paar, welches in Almaty ein Mongolei- Visum bekommen hat. Die Botschaft dort war nicht dauerhaft geschlossen, sondern hatte Urlaub. Während dieser Zeit sollte man für das Visum nach Astana fahren. Seit Montag ist es wieder in Almaty zu bekommen, es gibt sogar ein Express- Visum in 2 Stunden. Das hätte der Botschafts- Mitarbeiter mir ja auch am Telefon so sagen können…

Nun ja, schon in meinem Beruf (Berater in der IT) habe ich ja schon immer am liebsten sinnlose Pläne gemacht, die hinterher sowieso wieder verworfen werden, weil irgendein Entscheider dagegen ist, aber den Plan unbedingt braucht, damit er überhaupt weiß, dass er dagegen ist. So geht es uns nun auch: Sylvia und ich haben den Großteil unserer ursprünglich geplanten Reiseroute aufgrund äußerer Umstände (geschlossene Grenzen, keine Visa) verworfen. Nun haben sich die äußeren Umstände selbst wieder verworfen, also muss neu entschieden und geplant werden.

Um es vorweg zu nehmen: Der neue Plan ist der alte (der gekürzte alte, nicht der ursprüngliche. In der IT würde man sagen, Version 1.3 gilt weiterhin). Wir verbringen den Rest des Sommers in Kasachstan und dem russischen Altai. Keine Mongolei, kein Himalaya, kein Winter bei 30 Grad in Indien. Winter bei plus (immerhin) 0,5 Grad und Nieselregen in Deutschland. Ich hatte mir schon Hoffnungen gemacht, mit der neuen Situation unseren ursprünglichen Plan noch verwirklichen zu können, und nun mit verkürzter Route direkt von Kirgistan über China nach Nepal und Indien fahren zu können. Wir hätten ohne Fahr-Stress 10 Wochen Urlaub in der Bergwelt Kirgistans machen und danach China auf einer kürzeren Route durchqueren können. Doch Sylvia ist das zu riskant (China könnte plötzlich wieder Tibet sperren, dann ständen wir da, kurz vor Wintereinbruch in Kirgistan). Sylvia will nach Hause. Nicht sofort, aber das ursprünglich geplante Jahr ist ihr doch zu lang, ein halbes Jahr reicht. Das Reisen fällt nicht mehr so leicht wir früher.

Auch für die Mongolei ist es uns beiden jetzt zu spät, wir würden überall nur noch durchrasen. Durch das Hin- und Her mit dem Visum ist schon wieder eine Woche vergangen, und für die Mongolei sollte man nun wirklich Zeit mitbringen. Wenn wir uns doch noch ein weitetes Mal aufraffen können, Europa mit dem Gran Hermano zu verlassen, wäre das ein mögliches Ziel.

So werden unsere Räder also bald wieder nach Westen rollen, und die, die froh waren, uns einige Zeit los zu sein, müssen uns noch dieses Jahr wieder ertragen. Wer uns vermisst hat, kann sich dafür freuen. Und er kann sich sogar doppelt freuen: Mit diesen Erfahrungen aus unserer Reise erscheint unsere Idee, einmal auszuwandern und eine Brauerei unter südlicher Sonne aufzumachen nicht durchführbar. Also Freunde, macht Euch Gedanken, wie wir die 1000- Liter-Bier Maschine zu Hause zum Laufen bringen und was für Quatsch wir sonst noch so treiben.

Wir fahren jetzt gerade noch ein letztes Mal Richtung Osten, zum Sharyn Canyon, dem Grand Canyon Kasachstans, bevor wir dann an der Grenze zu China den Wendepunkt erreichen und dabei hoffentlich noch einen Blick auf einen Siebentausender erhaschen können. Der Weg bleibt das Ziel, er ist nur kürzer. Doch das ist irrelevant, denn schon auf dem Weg zum Zigarettenautomaten können Dinge passieren, die das Leben für immer verändern.

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