Von den Ausläufern des Kaukasus bis ins Wolgadelta

An den letzten fünf Schlafplätzen in Russland kann man gut sehen, wie die Landschaft sich mit den Kilometern verändert:

14.6.   Gerade raus aus dem alpinen Kaukasus finden wir einen tollen Platz am Fluss. Auch zwei Familien mit Kindern gefällt es hier, sie lassen sich nieder und grillen. Abends sind wir dann wieder alleine.

15.6.  Am nächsten Abend stehen wir zwischen sanften Hügeln mitten in einer bunten Blumenwiese. Heute haben wir mal keinen Besuch.

16.6.   Jetzt ist die Szenerie wirklich ganz anders, wir stehen in der Steppe von Kalmückien, hier bekommen wir morgens Besuch von einem Reiter, der schon sehr mongolisch aussieht (die sind hier mal gestrandet vor langer Zeit). Er klopft uns aus dem Bett und und spricht so laut, dass er quasi permanent schreit, ist aber sehr freundlich.

17.6.  Der vierte Schlafplatz ist optisch wie der dritte, es gibt aber einen schönen Regenbogen zu sehen und auch wieder neugierige, aber sehr freundliche Besucher.

18.6.   Letzter Tag in Russland, wir stehen im Wolga – Delta an irgendeinen kleinen Nebenarm und haben außer vielen kleinen Mücken keinen weiteren Besuch mehr.

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Fazit: Abreise ohne Probefahrt

Jahrelang an seinem Reise- Wohnmobil bauen bis kurz vor der Abreise (wegen des abschließbaren Türgriffs eigentlich sogar bis einen Tag nach der Abreise), und dann ohne Probe-Tour sofort auf die ganz grosse Tour gehen – das tut. man nicht!

Bei uns ist es aber genau so gelaufen, ich habe das auch schon lange vor der Abreise kommen sehen. Nun sind wir seit über einem Monat unterwegs und haben dabei inzwischen mehr als 4.500 Km zurückgelegt. Keine Probe- Tour wäre so lang gewesen. Es ist also Zeit für ein kurzes Fazit:

Als erstes einmal: Et hätt jot jejange! – zu Deutsch: Alles gut.

Technisch: Unser fast 50 Jahre alter Gran Hermano läuft nach der mehrjährigen Standzeit wie eine Eins und erlebt nach seinem Feuerwehrdasein den zweiten Frühling. Erst in den Bergen bei ständig hoher Drehzahl musste ich Motoröl nachschütten (bislang 6 Liter), die ersten 3.000 Km gar nicht. Nach 3.000 km habe ich die Schrauben des Aufbaus mit Dreipunktlagerung nachgezogen. Unter dem Verteilergetriebe ist immer ein kleiner Ölfleck und ein Kabel am Bremslichtschalter war ab. Mehr ist bislang nicht passiert.

Der Gran Hermano ist ein gutmütiges Fahrzeug, an das ich mich schnell gewöhnt habe. Trotz fehlender Servolenkung und unsynchronisiertem Getriebe empfinde ich ihn nicht als schwierig zu fahren. Langsam werden auch die Straßen leerer, dann kann auch Sylvia endlich anfangen, ihn fahren zu lernen.

Grosser LKW als Reisefahrzeug: Gefällt uns sehr gut. Klar, man ist nicht so wendig wie ein kleines Fahrzeug und muss immer prüfen, ob man auch umdrehen kann, bevor man irgendwo reinfährt. Aber wir waren mit keinem Reisefahrzeug bislang so autark wie auf dieser Reise. Ein Kühlschrank, grosse Wassertanks, Solarstrom und Kochen mit Diesel aus dem Fahrzeugtank haben sich bereits bewährt und sorgen dafür, dass man lange irgendwo stehen kann. Ein Auto in dieser Grösse bedeutet auch, dass man das Bett nicht für die Fahrt umbauen muss, ausserdem kann man ausser Gewürzen und grossen Mengen an Vorräten auch noch viele persönliche Dinge mitnehmen. Trotzdem ist es drinnen nicht eng und man kann sich gut bewegen. So entsteht ein echtes “Zu-Hause”- Gefühl, egal wo wir stehen. Wenn wir die Türen zur Nacht zumachen, fühlen wir uns wegen der Bodenhöhe von 1.35 Metern und der stabilen Türen und kleinen (aber trotzdem hellen) hohen Fenster sehr sicher. Leise und unbemerkt kommt zumindest keiner rein.

Innenausbau: Die Grund- Konstruktion stimmt. Was wir hätten besser machen können, wären mehr kleine Staufächer und Unterteilungen anstatt weniger grosser Schrankfächer vorzusehen. So müssen wir mehr wühlen, um an manche Sachen zu kommen.

Kaputtgehen kann natürlich jederzeit etwas, aber wir können dann zumindest sagen, dass es auch nicht anders gekommen wäre, wenn wir erst eine Probe- Tour gemacht hätten. Bis auf die Schrank- Unterteilungen hätten wir nichts mehr geändert.

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Alibek-Raubkopien von Matterhörnern

Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Dombai 11.6.2012, Kilometerstand 4164, 33. Reisetag. Wetter 25 Grad (auf 1850 Meter Höhe !), die Sonne brennt.

Wir sind im Kaukasus angekommen und stehen jetzt oberhalb des Ski- und Touristenortes Dombai neben der Alibek-Hütte am Alibek-Fluss, unweit des Alibek-Falls, nahe des Alibek-Gletschers unterhalb des Alibek Passes.

Die Vegetation ist dschungelartig, der Bewuchs in Feld, Wald und Wiese ist fast mannshoch und saftig grün. Auch den von deutschen Gärtnern als Unkraut gefürchteten Giersch glaube ich in einer 1,40 m hohen Variante erkannt zu haben. Um uns herum ragen steile Viertausender fast senkrecht in den Himmel, alles mehr oder weniger perfekte Raubkopien des Matterhorns. Eigentlich wollte Angela Merkel ja die Produktpiraterie in der Welt bekämpfen, aber die Urheberrechte am Matterhorn liegen bei der Schweiz, und die ist nicht in der EU. So kann Russland ungeniert diese Wahnsinnsgegend touristisch nutzen, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen.

Schon die Fahrt hierher war ein Genuss, am letzten Übernachtungsplatz waren am Horizont zum ersten Mal die schneebedeckten Berge in der Ferne auszumachen, als ob sie schon auf uns warten würden. Am nächsten Morgen konnten wir dann aus dem Auto immer wieder den 70 km entfernten Elbrus erkennen, der alle umliegenden Berge nochmal um über 1000 m überragt. Er ist mit 5642 Metern der höchste Berg Europas, auch wenn man uns in der Schule immer beigebracht hat, dies sei der Montblanc mit “nur” 4810 Metern.

Der Ort Dombai war dann eine Enttäuschung, das enge Tal ist mit Hotels und einigen sehr hässlichen Sowjet-Hochhäusern zugebaut und verschandelt. Wo hätten wir da stehen sollen? So waren wir dankbar für den Tip, noch den steilen steinigen Bergweg zu der Alibek Hütte hochzufahren. Hier dürfen wir sogar kostenlos stehen, und der Blick ist noch besser als in Dombai.

Einziger Nachteil ist, dass wir uns mit diesem Blick zufriedengeben müssen, da es uns nicht erlaubt ist, die Berge zu Fuß zu erkunden. Dafür benötigt man eine Genehmigung für die Grenzregion, die Grenze zu Georgien ist gleich hinter den Bergen. Die Bearbeitungszeit für diese Genehmigung beträgt für Ausländer 90 Tage, so sagt man uns. Wer hier wandern möchte, sollte das also von zu Hause regeln.

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