Kleine email – großer Effekt: Wir haben vorgestern eine email von unserem chinesischen Reiseveranstalter bekommen, dass Tibet erneut für Touristen gesperrt wurde und unsere schon gebuchte China- Durchquerung ab Ende September auf der geplanten Route nicht möglich ist. Möglich ist nur eine Fahrt von der Mongolei nach Laos oder eine Durchquerung von Zentralasien aus nach Pakistan. So etwas gehört zu den Risiken bei der Planung einer Reise durch China, da die chinesische Regierung immer wieder ohne Vorankündigung solche Sperren verhängt.
Für uns heißt das nun, unsere gesamte Reiseroute neu zu planen: Die Mongolei bereisen können wir nur, wenn wir danach auch durch China fahren. Eine Rückreise Ende September von der Mongolei nach Deutschland durch Sibirien würden wir ausschließen, da dort der Winter sehr früh beginnt und uns einholen kann. Wenn wir aber durch China nach Laos fahren, müßten wir definitiv eine wahrscheinlich für uns zu teure und von unterwegs nervig zu organisierende Verschiffung von Südostasien nach Hause organisieren. Über Pakistan würden wir unser Ziel Nepal und Indien auf dem kürzesten Weg erreichen und hätten mehr Ruhe- und weniger Fahrtage. Die Entfernungen in Zentralasien hatten wir unterschätzt, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Aus diesem Grund wollten wir schon die Fahrt über den Pamir Highway streichen.
Nun werden alle Karten neu gemischt, als erstes müssen wir die Einreisebestimmungen der verschiedenen Länder auf den möglichen neuen Routen studieren, die wir gar nicht auf dem Zettel hatten, und dann in Ruhe einen neuen Plan aushecken.
Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Ayaz Qala 07.7.2012, Kilometerstand 6791, 59. Reisetag. Wetter 42 Grad, die Sonne brennt.
Kaum aus Chiwa herausgefahren, hat uns die Wüste wieder. Von 12 bis 17 Uhr brennt die Sonne erbarmungslos, die Mittagstemperaturen liegen knapp über 40 Grad. Wind aller Art, wie z.B. Fahrtwind durch offene Fenster, macht das ganze einigermaßen erträglich. Von meinen Motorradreisen durch die Sahara weiß ich noch, dass sogar der Fahrtwind ab ca. 45 Grad unangenehm wird, aber so heiß ist es hier glücklicherweise nicht. Nachts stellen wir den Gran Hermano so auf, dass der Wind durch beide Türen seinen Weg findet, außerdem bleiben die Türen in der Nacht jetzt auf. Manchmal ist der Wüsten- oder Steppenwind allerdings so stark, dass drinnen alles durch die Gegend fliegt, was leichter ist als 200 Gramm. Dann können wir abwägen, ob uns Kühlung lieber ist oder Ruhe vor dem ewigen Wind.
Wir weichen vom direkten Weg weiter nach Buchara Richtung Norden ab, denn dort gibt es eine ganze Serie von alten Festungsruinen, die zwischen 1.500 und 2.000 Jahren alt sind und mitten in der Wüste oder auch direkt im heute mittlerweile bewässerten landwirtschaftlich genutzten Gebiet stehen. Eine der eindrucksvollsten Festungen ist Ayaz Qala (Qala steht für Festung oder ummauerte Stadt), ein Komplex aus drei Festungen, von denen zwei über der Ebene auf einem Hügel stehen. Obwohl Ayaz Qala als touristische Attraktion eigentlich bekannt ist, ist dort kein Schwein, als wir sie am frühen Nachmittag erreichen. Die meisten Besucher werden mit einer gebuchten Tour gebracht und dürfen sich in der Mittagshitze dann die Ruinen ansehen. So bleiben wir einfach unter den Hügeln mit den Ruinen stehen und haben die ganze Szenerie für uns alleine. Wir können abends und morgens bei einigermaßen genehmen Temperaturen die Ruinen erkunden und darin herumklettern. Die Festungen von Ayaz Qala wurden zwischen 400 v. Chr. und 700 n.Chr. aus Lehm gebaut und sind schon seit 1.300 Jahren nicht mehr bewohnt. Dass davon bei dieser einfachen Bauweise nach so langer Zeit überhaupt noch etwas steht, ist schon faszinierend. Man vergleiche nur, wie viel von einer Burgruine aus massivem Stein in unseren Breiten nach so langer Zeit noch übrig ist. Der Innenbereich der oberen Festung Ayaz Qala 1 ist mit 180×150 Metern beeindruckend groß, das war also früher schon eine größere Ansiedlung. An den Ruinen sieht man, dass diese wüstenartige Gegend schon vor tausenden von Jahren eine bedeutende Stellung und Hochkultur hatte, die Festungen sollten das damalige Königreich Choresm vor einfallenden Nomaden schützen. Zusätzlich zu dieser geschichtlichen Bedeutung fühlen wir, dass die Erbauer mit diesen einzigen Hügeln im Umkreis einfach Orte mit faszinierender Ausstrahlung für ihre Festungen gewählt haben.
Schon auf der Weiterreise sehen wir am nächsten Tag mit Guldursun Qala eine noch größere Festungsruine quasi mitten in den Baumwoll- und Reisfeldern direkt am Straßenrand. Auch diese Ruine ist über 2.000 Jahre alt, war aber immerhin noch bis zum Mittelalter bewohnt. Die Mauern umrahmen einen Platz von 380 x 250 Metern und sind fast 1,5 km lang. In der Mitte ist nichts erhalten, aber die Fläche reicht für eine kleine Stadt.
Die nächsten zwei Tage fahren wir dann Richtung Buchara, abends stehen wir wieder wie gewohnt neben der Straße irgendwo in der Wüste. Straße ist eigentlich auch das falsche Wort, denn es gibt wieder einmal einen fast 100 km langen Abschnitt, der alles bietet, was eine Straße nicht bieten sollte: Asphalt mit Riesenlöchern, bei denen man sich wünscht, diese Straße wäre nie asphaltiert worden. Wann immer möglich, sucht man sich eine Spur neben der Straße, doch meistens geht das nicht. Andere hatten dieselbe Idee und haben damit die Spur neben der Straße über die Jahre auch zerstört. Also ist die kaputte Straße nur etwas breiter als gewöhnlich. Dazu kommen Querrillen, Steine und Absätze, die das Auto immer wieder erschüttern. Auf einigen Teilstücken kann man 10 km/h fahren, auf anderen sogar 30.
Doch immer wenn ich abends in der “milden” Abendluft (nur noch 30 Grad) sitze und in die Wüste schaue, wird mir klar, wie wenig ich eigentlich brauche, um mich gut zu fühlen. Die Aufgabe des Tages lautete, sich auf dieser Straße ein Stück weiter zu bewegen. Abends freue ich mich, wenn ich diese Aufgabe gemeistert habe und an dem fast 50 Jahre alten Gran Hermano trotz der üblen Straßen nichts kaputt gegangen ist. Dazu eine milde Brise, die über den Körper streichelt und das Gefühl, einfach unverschämt viel Zeit zu haben. Kein Aktionismus mehr, einfach nur sein. Seit fast einem Monat fahren wir nun durch diese monotone Landschaft, die sich kaum ändert. Trotz der Monotonie bin ich gerne hier, alles andere ist weit weg. Was zählt, sind Kleinigkeiten und die Wunder der Natur, die gerade in der Wüste unscheinbar und klein sind. Gerne übersieht man sie, wenn man nicht empfänglich dafür ist. Als ob er das untermauern will, landet ein bunter Eisvogel (Kingfisher) quasi nebenan auf einem Busch und bleibt lange dort sitzen. Leuchtend grünblau schimmert sein Gefieder, die Unterseite der Flügel ist leuchtend orange. Der große Fluss Amudarja ist noch in Sichtweite, trotzdem wirkt dieser bunte Vogel mitten in der Wüste fast wie eine Halluzination.
Bordbuch-Eintrag: Ankunft in Chiwa 3.7.2012, Kilometerstand 6679, 54. Reisetag. Wetter 39 Grad, die Sonne brennt.
Nach Durchquerung der Steppe sind wir nun wieder in touristisch erschlossenem Territorium angekommen. Chiwa war lange eines der wichtigsten Khanate und Handelszentren an der Seidenstraße und hat eine ummauerte Altstadt mit orientalischen Bauten aus vielen Jahrhunderten, die meisten davon sind aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Es gibt jedoch auch wesentlich ältere Überbleibsel, die Stadt ist über 2.500 Jahre alt. Besser und genauer als ich es darstellen könnte, kann man die Geschichte dieser Stadt sicherlich im Internet nachlesen.
Die ummauerte Altstadt ist als eine Art Freilichtmuseum erhalten. Dort können wir herumwandeln und über die Bauwerke und Handwerkskunst der Keramiker und Holzschnitzer aus diesen Zeiten staunen. Es gab ja in den letzten Wochen für uns keine typischen Sehenswürdigkeiten in dem Sinne mehr zu sehen. Das echte pralle Leben findet vor den Stadtmauern statt, der Markt dort ist laut und belebt. Man kann dort endlich mal lecker Fleischspieße essen, diese orientalische Besonderheit hatten wir bislang noch vermisst.
Was wir auch bislang noch nicht hatten – in Chiwa trifft man andere Reisende: Kurzzeit- Touristen, Fahrradfahrer auf dem Weg nach Thailand, Rucksackreisende, die mehrere Monate bis Jahre unterwegs sind, andere Geländewagenfahrer, die ganze Palette eben… Da wir auch vor einem einfachen Hotel stehen, um dort mal wieder duschen zu können, haben wir an diesem Leben teil. Es gibt immer nette Begegnungen, auch wenn sich die Themen an solchen Orten immer wieder stundenlang um dieselben Themen drehen: Sollte man das Tadjikistan Visum lieber in Taschkent oder Bishkek beantragen oder ist es besser, nach Samarkand mit dem Bus oder der Bahn zu fahren usw. usw.
Den Rest können wohl die Fotos besser vermitteln als ein ellenlanger Text.